1. - 23. Februar 2005: Tasmanien, drei Wochen auf der Teufelsinsel

(Sascha)
Am Abend des 1. Februars 2005 stehen wir bei Regen gemeinsam mit Marcel und Doris an der Pier in Melbourne und warten darauf, dass wir mit unseren Autos auf die Fähre „Spirit of Tasmania II“ rollen können. Die Ladeprozedur dauert ganz schön lange, aber nach zwei Stunden ist der Spuk vorbei und wir sitzen bei einem gemütlichen Feierabendbier auf Deck sieben. Monique und ich haben vorsorglich Tabletten gegen Seekrankheit eingenommen, was sich aber als überflüssig herausstellt, denn im Gegensatz zur Drake Passage (Feuerland-Antarktis) ist die Bass Strasse nach Tasmanien sehr ruhig. Deswegen sind wir nun plötzlich so müde, dass mir das Bierglas fast aus der Hand fällt und wir aufpassen müssen, dass wir nicht im Stehen einschlafen. Als wir dann endlich schlafen gehen wollen, hat sich die Wirkung verflüchtigt uns ich sitze hellwach im Sitz. Die Nacht vergeht trotzdem schnell, morgens um sieben sind wir bereits in Devonport, der nördlichen Hafenstadt Tasmaniens.

Runter von der Fähre, rauf auf den Campingplatz. Da wir alle nicht so recht geschlafen haben, beschliessen wir am heutigen Tag ein bisschen auszuspannen und nach einem Kinobesuch früh zu Bett zu gehen. Daraus wird aber wieder nichts, denn in der Nacht kommt ein Sturm auf und er ist nicht ganz ohne. Marcel und Doris werden in ihrem Dachzelt ganz schön durchgeschüttelt und machen kein Auge zu. Osito wackelt wie noch nie und wir fragen uns, ob wir etwa in Patagonien sind. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass es sich um den wohl stärksten Sturm seit Jahren handelt, der die Bass Strasse zwischen Tasmanien und Victoria heimgesucht hat. Bäume wurden entwurzelt, Stromleitungen sind umgefallen, mehr als zehn Meter hohe Wellen auf See. Der Seegang war so stark, dass die „Spirit of Tasmania“ mitten auf dem Weg von Melbourne nach Devonport umkehren musste, weil mehrere Scheiben eingedrückt wurden und Wasser auf den Decks eingetreten ist. Das kann keinen Spass gemacht haben...

Das Wetter hat sich gebessert, die Sonne trocknet die österreichische Bettwäsche schnell. Die müden Gesichter verfliegen nach einem herzhaften Frühstück. Gegen Mittag sind wir „on the road again“. Bei einer furchtbar hässlichen überdimensionalen Plastik eines Tasmanischen Teufels biegen wir ab zu einem kleinen Tierpark, wo selbige Viecher in Natura zu bestaunen sein sollen. Nach anfänglicher Skepsis betreten wir den Tierpark und sind positiv überrascht. Wir können Kängurus füttern, einen jungen Wombat halten und sogar einen Tasmanischen Teufel streicheln. Sie erinnern etwas an Hundewelpen, wenn sie herumtollen, aber bei der Fütterung wird schnell klar, dass das Gebiss der kleinen Teufel ganz schön kräftig ist. Zum Abschluss sehen wir eine Schlange, welche giftig und nicht hinter Gittern ist, denn sie kommt geradewegs von der Wiese her...

Der nächste Tag ist ein Flop. Wir wollen eine Schweizer Käserei besuchen, die ist aber verkauft worden. Dann wollen wir Arnos Freund Manfred im Café Manfred besuchen, der hat sein Café aber auch verkauft. Wir fahren nach Grindelwald - kein Witz, es gibt hier auch ein Interlaken – da hauen wir aber ganz schnell wieder ab. Und als wir uns am Abend bei Low Head die Pinguine anschauen wollen, kommen gerade mal fünf Stück heraus und die sind so weit weg und so klein, dass wir gar nichts sehen. Letztes Jahr am selben Datum, nämlich dem 4. Februar, fuhren wir auf der Carretera Austral in Chile gegen einen Baum und haben dann auch noch die Fähre verpasst. Ab sofort wird dieses Datum im Kalender gestrichen, nächstes Jahr bleiben wir im Bett.

Über Derby, wo wir das putzige Zinnmienenmuseum bestaunen und uns mit Blaubeermuffins und Scones verköstigen, fahren wir an die Ostküste. Die Landschaft ist saftig grün und hügelig, wie in der Schweiz. Kühe und Schafe weiden auf den Wiesen aber die gelben Warnschilder mit Kängurus, Wombats und Tasmanischen Teufel darauf, sowie die Kadaver derselben Tiere am Strassenrand erinnern uns immer wieder daran, dass wir in Tasmanien sind.

Die Ostküste besticht durch schneeweisse Sandstrände, eingefasst von dichten Regenwäldern und Felsblöcken, welche mit leuchtend orangen Flechten bewachsen sind. Viele schöne einsame Buchten säumen die Küste von Nord nach Süd. Wären doch die Temperaturen auf dieser Insel annähernd so schön wie die Landschaft. Da wir aber die meiste Zeit unsere Fleecejacken anhaben, laden die Strände nicht wirklich zum Baden ein. Wer unterkühlt ist, braucht keine Abkühlung.

Nach ein paar Tagen erreichen wir Port Arthur, eine der „Wiegen Australiens“. Das hätte ich jetzt wohl nicht schreiben dürfen! Nun, dem ist aber ein bisschen so. Von 1830 bis 1877 war dies der Standort des grössten Sträflingslagers Australiens. Hierher kam, wer sich innerhalb des britischen Königreichs zwei mal eines Vergehens an Gott und der Krone schuldig gemacht hatte. Unter anderem hat es schon gereicht, wenn man in England zwei mal beim Diebstahl eines Taschentuchs erwischt wurde. Wer erfolgreich resozialisiert war, hatte oftmals die Chance in Australien ein neues Leben zu beginnen. Ein eigens dafür eingerichteter Raum, ermöglicht es den Australiern heute in der Sträflingsdatenbank nach ihren Wurzeln zu forschen.

In Hobart, der Hauptstadt Tasmaniens, kommt es zum grossen „Familientreffen“. Dank SMS und E-Mail haben wir es geschafft, einen grossen Haufen Reisefreunde gleichzeitig an einem Ort zusammen zu trommeln. Moni und Roli, Naica und Peter, Rosmarie und Kurt, Doris und Marcel sowie unsereins bauen eine lustige Wagenburg am Ufer des Derwent Rivers. Andere Gleichgesinnte gesellen sich zwischendurch dazu. Roli feiert seinen 36. Geburtstag, wir feiern mit. Es bildet sich ein Raum aus Zeltplanen und stundenlang wird gequatscht, gekocht, gelacht, gegessen, angestossen und erzählt. Das schönste am Reisen sind doch immer wieder die Momente, wo man mit lieben Menschen zusammensitzen kann und Ort, Umstände und Zeit keine Rolle spielen: „i gloub i blibe no es bitzi...“.

Nach fünf Tagen heisst es, wieder Abschied nehmen. Gemeinsam mit Doris und Marcel ziehen wir weiter gen Süden. Den Valentinstag feiern wir mit einem unerwartet leckeren Essen im Pub des einzigen Hotels in Dover. Tags darauf gilt es unsere Mission, „der südlichste Punkt Australiens“ zu erfüllen. Auf der südlichsten Strasse Australiens fahren wir bis zu deren Ende und finden dort das Schild mit der Aufschrift: „the end of the road“. Hier ist Schluss, weiter geht’s nicht. Somit haben wir es geschafft, wir waren am östlichsten Punkt in Byron Bay, dem nördlichsten Punkt in Cape York, genau in der Mitte bei "Lambert's Centre of Australia", dem westlichsten Punkt in Steep Point und jetzt hier, dem südlichsten Punkt, wo man mit dem Auto hinfahren kann. Wir waren also in allen Ecken Australiens. Hurrah!

Von hier geht’s nur noch nach Norden. Die Nacht verbringen wir im Mt. Field NP, wo wir neben allerlei Beuteltieren wie Pademelon, Quoll und Possum in den Wäldern Glühwürmchen bestaunen können. Wie ein Sternenhimmel leuchten die schwachen Lichter im Moos um die Wette. Von Lake St. Claire, weiter nördlich, sehen wir nicht viel, da das Regenwetter nicht gerade zum spazieren einlädt. Wir flüchten vor der Kälte und fahren nach Strahan an der Westküste, wo uns die Sonne begrüsst.

Immer wieder sieht man, dass hier in Tasmanien ziemlich Wald abgeholzt wird. Oft aber nicht auf den ersten Blick. Ist der Strassenrand vielerorts mit Bäumen gesäumt, so bietet sich, wenn man einen kleine Querstrasse in den Wald hinein fährt ein ganz anderes Bild. Riesige Flächen werden hier systematisch abrasiert, denn Tasmanien hat eine sehr starke Holzindustrie. Wirklich ökologisch scheint dies hier aber nicht betrieben zu werden, denn schaut man aus der Höhe über die Landschaft, fällt einem öfters auf, dass ganze Flächen zerstört sind und ausser ein bisschen Unkraut nichts mehr wächst. Grosse Teile von Tasmanien sind mit kaltem Regenwald bewachsen und was einmal zerstört ist, wächst nicht mehr einfach nach. Aufforstung wird dann oft mit nur einer Baumart betrieben, was nicht gerade dem natürlichen Regenwald entspricht. Aber eben, man sieht es nicht immer auf den ersten Blick...

Wieder im Landesinneren, fahren wir zum eigentlichen Highlight Tasmaniens, Cradle Mountain. Der Park empfängt uns mit Schmuddelwetter, aber die Wetterprognose verspricht Besserung. Marcel und Doris mit ihrem Dachzelt haben keine Freude bei der Aussicht auf eine weitere kalte und feuchte Nacht. Ein grosses Kaminfeuer in der mehr als gemütlichen Campingküche und ein dank Moniques Kochkünsten leckeres Szegediner Gulasch zaubert aber schnell wieder gute Stimmung herbei. Der nächste Morgen beginnt mit strahlendem Sonnenschein und verspricht einen wunderbaren Tag. Dies bleibt auch so und die Wanderung um den Lake Dove bietet einen herrlich wolkenfreien Ausblick auf den berühmten Cradle Mountain. Wir verbringen den ganzen Tag mit Spaziergängen im Nationalpark und werden wunderbar für das gestrige Sauwetter entschädigt. Am Abend sehen wir nebst Possums und Wombats sogar wilde Tasmanische Teufel auf dem Campingplatz umhertollen. Ein toller Tag!

Langsam endet unsere Zeit in Tasmanien. Eine der letzten Stationen ist Stanley, wo wir den Fels „The Nut“ bestaunen können. Wir lernen Evi und Markus aus Biel kennen. Als wir zu sechst zusammensitzen, werden wir von zwei australischen Rentnern unfreundlich als unwillkommene deutsche Touristen tituliert, und aus der öffentlichen Küche vertrieben, weil wir sie beim Fernsehen stören. Was ist nur los mit den Leuten?

Auf dem Weg zurück nach Devonport degustieren wir in Burnie leckeren tasmanischen Käse in ungesunden Mengen und kosten danach in Latrobe belgische Schokolade bis uns schlecht ist. Zwei Kinobesuche, eine Nacht und eine Fast Food Mahlzeit bei dem Restaurant mit den goldenen Bögen später, sitzen wir wieder gemeinsam mit Doris und Marcel bei einem Glas Bier, diesmal ohne Tabletten, auf Deck sieben und schauen zu, wie wir langsam aus dem Hafen von Devonport zurück Richtung Melbourne auslaufen. Good bye Tasmania!

Zehn Stunden später sind wir wieder auf dem Festland und nach einem letzten gemeinsamen Frühstück in St. Kilda müssen wir uns endgültig von Doris und Marcel verabschieden, denn die beiden machen sich schnell auf den Weg nach Sydney, von wo es für sie schon bald über Asien zurück nach Österreich geht... Servus Freunde, es war schön mit Euch!

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