27. September - 9. Oktober 2004: Gen Norden, immer gen Norden

(Sascha)
Es treibt uns weiter nach Norden, Darwin ist das nächste grosse Ziel. Vor uns liegen die Freuden des Stuart Highways: 1500km Asphalt, glatt wie ein Babypopo. Ihr Fernreisenden wisst, was das bedeutet!

Erste wichtige Station unterwegs sind die Devils Marbles. Steine im Durchmesser von mehr als zwei Metern, welche wie Murmeln über eine grössere Fläche verteilt herum- oder übereinander liegen. Auch hier ist die Zeit bei Sonnenuntergang einfach wundervoll. Wir geniessen das Farbenspiel um die Murmeln und staunen. Nach Sonnenuntergang werden wir gemeinsam mit den anderen Touristen zum "Rangertalk" eingeladen, einer kleinen Erzählrunde, wobei ein Ranger ein bisschen erzählt, was er so treibt, damit die Australier wissen, wohin die Steuergelder fliessen. Interessanterweise ist auch der traditionelle Landbesitzer Namens Leslie zugegen. Ich muss hier kurz erläutern. Durch die Landrechtebewegung wurden viele Landstriche, vornehmlich Land, welches von den weissen Einwanderen nicht wirklich benötigt wurde, den traditionellen Besitzern, also den dort ursprünglich ansässigen Aboriginies, welche meistens deportiert wurden, zurückgegeben. Schürfrechte und ähnliches werden natürlich der Regierung vorbehalten, wobei die Ureinwohner dann das Recht auf Tantiemen haben. Soviel dazu. Leslie ist also einer dieser "Glücklichen". Ich schreibe dies jetzt ein bisschen bissig, weil die folgende Episode äusserst interessant war.

Der Ranger beendet seinen Talk und übergibt das Wort an Leslie, den traditionellen Besitzer der Devils Marbles. Leslie erhebt sich und beginnt in gebrochenem Englisch zu erzählen:

"Kennt Ihr Geschichte von hier? Habt Ihr gelesen? Nein?"

Allgemeines raunen…

"Ich erzählen! War früher Land von meine Familie. War vor 150 Jahren, kommen weisse Mann mit Kamele her. Meine Leute hier wohnen. Komme weisse Mann und schlage Lager auf. In Nacht lasse Kamele frei laufen, weil denken sein alleine. Kamele laufen herum, essen Früchte von Bäume. Unser Essen. Wir sehen Kamele fressen von unsere Essen. Ohhhh, was ist das? Staunen, hole Freunde. Was ist das? Weiss nicht. Fressen unsere Essen. Ohhh, nicht gut. Grosse Tier!"

Man muss sich vorstellen, dass das grösste einheimische Tier in diesem Land ein Känguru ist. Leslie untermalt die Geschichte mit lebhafter Mimik und Gestik.

"Vorfahre töten Kamel mit Speere. Viele Speere."

Leslie "tötet" gerade das Kamel. Sehr lebhaft.

"Tot. Nächste Morgen weisse Mann fragen: Wo Kamel? Andere weisse Mann sagt: Weiss nicht. Suchen Kamel. Ohhhh. Kamel tot. Warum? Muss schwarze Mann gewesen sein. Leben hier in Gegend!"

Einigen Australiern wird es langsam ungemütlich.

"Weisse Mann gehe suchen, auf Pferde, finde meine Leute. Meine Leute nie Pferd gesehen. Weisse Mann böse, weil meine Leute Kamel töte. Nehmen Gewehr und schiessen tot alle meine Leute. Wenn alle tot, mache zuerst Holzhaufen."

Leslie zeigt mit der Hand auf Kniehöhe.

"So hoch. Dann nehme meine tote Leute und schichten auf Holz so hoch."

Nun zeigt er auf Kopfhöhe.

"Dann oben nochmal Holz darauf und nehme Petroleum von Lampe und machen darauf. Dann zünden an Feuer. Alles brennen! Verbrennen meine Leute."

Wieder illustriert es dies mit äusserst deutlicher Körpersprache.

"Töten meine Leute wegen Kamel! Noch heute man sieht Fleck von Fett von Körper an Stelle wo sie verbrannt meine Leute. Noch heute!"

Zeigt in eine Richtung. Kurze bedrückende Stille.

"Ihr wisst was war hier in Nähe? Geschichte von weisse Mann, wo getötet von meine Leute? Ich erzählen."

Der Eine oder Andere wollte schon aufstehen, aber alle bleiben nun doch sitzen.

Leslie erzählt nun von einer Episode, wo die Frau eines seiner Stammesvorfahren nie rechtzeitig nach Hause kam. Seine Frau arbeitete auf einer Farm, so wie er auch. Nach einigen Tagen wurde es dem Ehemann zu bunt und er ging dahin, um zu sehen was seine Frau so treibt. Er sah wie der Farmbesitzer, sein Boss, sich an seiner Frau vergeht. Als diese am Abend nach Hause kam, erzählte sie ihm aber nichts davon. Am nächsten Abend, als sie wieder nicht nach Hause kam, ging er wieder zur Farm und sah zu, wie sein Boss erneut an seiner Frau herumfummelt. Er wurde wütend und erschoss seinen Boss mit dem Gewehr, welches er von ihm erhalten hatte.

Es gab noch einen zweiten Fall, wo ein Weisser in dieser Gegend von Aboriginies getötet wurde, welcher natürlich auch noch erzählt wird. Hierbei handelt es sich um niemand anderen als Leslies Grossvater, der einen weissen Farmer mit dem Speer getötet hat, weil dieser sich an Leslies Grossmutter vergnügt hat. Auch diese Episode wurde von Leslie sehr lebhaft vorgespielt. Die Dunkelheit und der Schein des Lagerfeuers untermalen die Mimik mit unglaublicher Intensität und verleihen der Situation eine traurige Komik.

Als Leslie seine Geschichte beendet meint er nur trocken.

"So, Ihr nun wissen was hier gewesen. Sind alte Geschichte. So passiert. Wichtig dass Ihr wisst. Aber ist vorbei, wir jetzt Freunde. Gute Nacht."

Einige bedanken sich überlaut, springen förmlich von ihren Stühlen und flüchten zu ihren Autos. Andere bedanken sich überschwänglich bei Leslie mit Händedrücken, welche nach Geldspenden aussehen, wobei man den Leuten deutlich ansieht, dass hier ein wunder Punkt angesprochen wurde.

Eine denkwürdige Episode dieser Ranger Talk. Das "Red Centre" birgt mehr als man denkt…

Heiter weiter. Nach der tiefbewegenden Erfahrung bei den Devils Marbles folgen hunderte Kilometer Babypopoteer bis Mataranka, wo eine warme Quelle und riesige Schwärme von Flughunden (Red Flying Foxes) auf uns "warten". Mataranka liegt am Rande des Elsey NP, verfügt über warme Quellen und ab Oktober sammeln sich Tagsüber bis zu 200'000 Flughunde in den Palmen. Als wir am Abend durch den Palmenwald zu den Quellen spazieren riechen, hören und sehen wir die Massen von Flughunden, wie sie in den Palmen auf den Einbruch der Dunkelheit warten. Bei Sonnenuntergang, als wir im Wasser liegen, werden wir Zeuge, wie sich abertausende von Flughunden wie auf Kommando plötzlich in die Luft erheben und auf Futtersuche begeben. Die Tiere ernähren sich nur vom Saft von Früchten und navigieren, im Gegensatz zu Fledermäusen, nicht mit Echolot sondern müssen sich auf ihre Augen verlassen.

Ein weiterer Höhepunkt soll die Katherine Gorge (Schlucht) sein. Auf dem Weg dorthin treffen wir zufällig auf Sibylle und Jürg, Schweizer mit welchen wir auch schon per E-Mail Kontakt hatten. Die Welt ist wieder einmal so klein. Wir verabreden uns für den Abend auf dem Campingplatz bei der Schlucht. Wieder mal gibt's viel zu plaudern und so vergeht auch dieser Tag wie im Flug.

Die Katherine Gorge soll angeblich sehr "gorgeous" (wunderschön) sein und so mieten wir wie empfohlen für den nächsten Tag ein Kanu. Die Schlucht ist tatsächlich sehr schön, aber irgendwie war die im Lawn Hill NP doch noch eine Stück schöner. Da die Katherine Gorge aber in der Nähe von Darwin liegt, ist sie viel besser besucht und erschlossen. So geht's halt, man wird wohl einfach ein bisschen gesättigt und fängt an zu vergleichen, wenn man so lange unterwegs ist. War trotzdem schön.

Der Kakadu NP folgt gleich als nächstes, wobei dieser wirklich so gut ist, wie alle sagen. Wir fahren zwar nicht zu den Jim Jim Falls (Wasserfälle), weil die im Moment trocken sind, aber die anderen Highlights sind bequem über Teerstrassen zu erreichen und absolut sehenswert, weshalb wir hier drei Tage verbringen. Eine frühmorgendliche Bootstour bei Yellow Water belohnt uns mit vielen Salzwasserkrokodilen aus nächster Nähe, vielen verschiedenen Vogelarten und Sumpflandschaft soweit das Auge reicht. Felszeichnungen von Aboriginies sind vielerorts zu sehen, wobei die jüngsten von 1985 sind! Bei einem Nachtspaziergang entdecken wir beim Taschenlampenleuchten ein lustiges Possum und beim Spaziergang entlang des East Alligator Rivers bei Sonnenaufgang sehen wir nochmals ein gutes Dutzend Salzwasserkrokodile, wie sie sich an der Wasseroberfläche räkeln.

Der Kakadu NP ist vor allem Krokodilmässig voll nach unserem Geschmack und so fahren wir glücklich und zufrieden weiter nach Darwin, wo es langsam an der Zeit ist unsere Webiste mit Updates zu füllen…

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