Ende Mai - 5. Juli 2004: Ab nach Australien. Warten auf Osito in Melbourne

(Sascha)
Zurück in Santiago beziehen wir unser angestammtes Hotel, wobei wir dieses mal ein Zimmer mit Fernseher kriegen. Dort läuft an einem Abend der Film "Der Schuh des Manitu", in Deutsch mit spanischen Untertiteln. Wir staunen nicht schlecht, dass dieser Film hier gezeigt wird und lachen uns krumm.
An unserem letzten Abend in Südamerika gehen wir noch einmal ins Restaurant "Como Agua Para Chocolate" und feiern Abschied von diesem wundervollen Kontinent.

Am 29. Mai 2004, genau ein Jahr nachdem wir in Bern losgefahren sind, besteigen wir den LanChile Flug nach Australien und verlassen Südamerika. Etwas Wehmut macht sich breit, denn wir haben viel erlebt in dieser Zeit, doch die Freude über das, was noch kommen wird, überwiegt.
Da der Flieger nicht ausgebucht ist, teilen wir uns zu zweit vier Sitze und dank Nachtflug, genug Platz und super Multimedia Unterhaltungssystem, vergeht die Zeit "wie im Flug". :-)
In Auckland, Neuseeland, haben wir zwei Stunden Aufenthalt. Weiter geht's nach Sydney, wo wir umsteigen und das letzte Stück nach Melbourne fliegen. In Sydney müssen wir die Einreiseformalitäten erledigen, welche im Vergleich zu Südamerika extrem speditiv und unkompliziert ablaufen. Monique zückt ihren australischen Pass. So bekomme nur ich einen Stempel in den Pass, sie ist ja quasi zurückgekehrt ;-) Welcome to Australia!

Am Flughafen in Melbourne erwarten uns schon Angelika und ihr Vater Hans. Wir werden die nächsten paar Wochen bei Angelika und Beat wohnen können. Beat ist der Bruder von Moniques Vater, verheiratet mit Angelika und sie wohnen mit ihrem gemeinsamen Sohn Marcus in der Nähe von Melbourne. Uns fallen fast die Augen heraus, als wir das Zimmer erblicken, welches wir die nächste Zeit bewohnen dürfen, bis unser Osito in Australien eintrifft. Ein riesiger Raum mit Doppelbett, Sofaecke und Sicht ins Grüne. Toll! Wir dürfen uns hier wie zu Hause fühlen, was uns auch überhaupt nicht schwer fällt. Um uns im Gegenzug bei den beiden ein bisschen zu revanchieren, kochen und backen wir, vor allem aber Monique, Schweizer Spezialitäten wie Fondue, Spätzli, Züpfe, Quarktorte, Zugerkirschtorte usw.

Wir lernen in den ersten Tagen Angelikas Familie kennen, ihre Eltern sind ursprünglich aus Deutschland, die ebenfalls in der gleichen Gegend wohnen. Alle sind super freundlich und wollen uns irgendwie helfen, sei es bei den anstehenden Reparaturen am Auto oder dem Besorgen von Bewilligungen und Versicherungen. Was im Voraus erledigt und besorgt werden kann, ist schnell gemacht.

Hanspeter, Angelikas Schwager, nimmt uns mit zum hier allseits heiss geliebten Nationalsport, dem Aussie Rules Football, kurz „Footie“ genannt. Es ist die australische Variante von Fussball, bzw. Rugby, irgendwas dazwischen. Ich habe, nachdem wir das Spiel gesehen haben, beschlossen, dass dies die männlichste Art ist, Fussball zu spielen. Kein Warmduscherzeugs wie Schoner und Helme, keine „Aua-einer-hat-mich-berührt-und-mir-tut-nun-was-weh“ Hinfaller, wie das beim uns bekannten Fussball so üblich ist. Nur Männer, die sich heftig auf die Rübe geben. Fouls werden nachträglich mit Bussgeld und Sperren durch ein Sportgericht ausgeteilt. Dadurch gibt es wenig Unterbrechungen, was dem Spielfluss zuträglich ist.

Wir fahren also an einem Samstag zum riesigen Telstra Dome, welcher ca. 50'000 Zuschauer Platz bietet und komplett überdacht werden kann! Es spielen Melbourne Essendon gegen die Brisbane Lions. Das Publikum ist bewaffnet mit Leichtbier und Meatpie, einer Art Fleischkuchen, was als die traditionelle Verpflegung beim Footie gilt.
Das Spielfeld ist kreisrund und es gibt zwei Tore, welche aus jeweils vier Pfosten bestehen, zwei hohe Pfosten in der Mitte und links und rechts davon ausserhalb nochmals je ein halb so grosser Pfosten. Der Ball ist eiförmig und wird per Hand oder Fuss herumgekickt. Ziel ist, den Ball getreu nach dem Motto „Weg mit der Pille“ irgendwie in das gegnerische Tor zu kicken. Fliegt der Ball zwischen den Hauptpfosten durch gibt’s sechs Punkte, zwischen Haupt- und Nebenpfosten gibt’s nur einen Punkt. Gespielt werden vier viertel à zwanzig Minuten mit zwei kurzen und einer langen Pause.
Das Spiel ist sehr kurzweilig anzuschauen, viel Action, haufenweise Tore, wir sind begeistert! Die Brisbane Lions legen sich voll ins Zeug, Essendon kann nur in den ersten beiden Vierteln mithalten, nach der Hälfte lassen die Jungs nach und die Lions verpassen ihnen ein Tor nach dem anderen. Gezählt wird die Anzahl der Voll- und Nebentreffer, weshalb dann das Endresultat so aussieht: ESS 14.12 (96) : Lions 25.12 (162). Das bedeutet also dass Essendon 14 Volltreffer à 6 Punkte und 12 Nebentreffer à 1 Punkt gemacht haben, was ein Total von 96 ergibt und somit den Lions mit 25 Voll- und 12 Nebentreffern bei einem Total von 162 ziemlich unterlegen ist. Alles klar?
Nach dem Spiel fahren wir noch gemeinsam in die Lygon Street, das klein Italien von Melbourne, zu Pizza und Lambrusco.

Während der Wartezeit auf unser Auto fahren wir einmal pro Woche mit dem Zug ins Stadtzentrum und flanieren stundenlang durch die Innenstadt, Schaufensterln und kaufen das eine oder andere noch benötigte Teil ein. Es wimmelt nur so von kleinen Restaurants und Schnellimbissen, asiatische und orientalische Küche scheint vorzuherrschen. Einmal geht’s zum Kebab, dann zum Griechen und immer wieder zum Japaner, denn Sushi kostet hier nicht mehr als McD und ist erst noch viel gesünder!

Angelika ermuntert uns auch, die eine oder andre Fahrt mit ihrem rechts gesteuerten Auto zu machen, damit wir uns schon mal vorsorglich an den Linksverkehr gewöhnen können. Am Anfang schalte ich immer wieder den Scheibenwischer anstelle des Blinkers ein, schlage beim Schalten mit dem rechten Arm gegen die Tür und kucke beim Abbiegen zuerst in die falsche Richtung. Es dauert aber nicht lange und wir haben uns an die verkehrte Fahrweise gewöhnt.

Der Container mit Osito sollte am 13. Juni in Melbourne eintreffen, aber wie so oft, der Termin verschiebt sich auf den 20. Juni und so müssen wir eine weitere Woche warten. Wir werden ganz kribbelig, weil uns unsere "Wohnung" doch langsam fehlt. Am Montag den 21. Juni ist unser Container endlich eingetroffen, aber der Agent erklärt uns, dass der Zoll den Container zur Überprüfung festhält, was wieder ein paar Tage dauern kann. Nach drei Tagen wird der Container freigegeben.
Nun ist es so, dass man den Container nicht im Hafen entladen darf, dies muss in einem privaten Depot erfolgen, im Beisein der Zoll und Quarantänebehörden. Da dies alles koordiniert und richtig organisiert werden muss, haben wir eine Agentur damit beauftragt, dies für uns zu erledigen.
Der Transport des Containers vom Hafen zum Depot erfolgt am Donnerstag und der Termin mit Zoll und Quarantäne ist für Freitag 11:30 Uhr angesetzt. Wir fahren bereits am Donnerstag in die Stadt, wo wir in einem Hotel übernachten und uns mit Ueli, einem ausgewanderten Schweizer aus Sydney, zu einem gemütlichen Abendessen beim "Italiener" in der Lygon Street treffen.

Freitag früh machen wir uns auf den Weg zum Depot, wo wir unseren Osito nach fast zwei Monaten endlich wieder in Empfang nehmen wollen. Ich mache mir Sorgen darüber, was passiert, wenn die Quarantänebehörden irgendetwas an der Sauberkeit des Autos auszusetzen hat. Wäre das der Fall, müsste der Wagen in ein anderes Depot überführt und noch mal gewaschen werden, was wieder Zeit und Geld kosten würde. Wir haben Osito zwar in Chile innen und aussen blitzblank geputzt, mussten aber beim Einladen durch feuchte Erde fahren, die jetzt noch immer ein bisschen an den Reifen klebt. Da uns genug Leute erzählt haben, wie pingelig die Quarantänebehörde in Australien sei, rechne ich wieder mal mit dem Schlimmsten.
Pünktlich um 11:30 Uhr können wir den Container öffnen. Ich schliesse die Batterien an, während Monique ein bisschen mit den freundlichen Quarantäne-Beauftragten plaudert. Osito springt nach zwei Monaten Standzeit beim ersten Schlüsseldreh an und ich fahre rückwärts aus dem Container. Die beiden Herren von der Quarantäne fangen sofort an, unser Auto innen und aussen zu begutachten. Währenddessen schraube ich den neuen rechten Rückspiegel an, der seit der Episode auf der Carretera Austral in Chile fehlte. Die Zöllner erscheinen und fünf Minuten später ist das Carnet de Passage gestempelt. Die Herren von der Quarantäne beenden ihre Inspektion nach zwanzig Minuten, stempeln das Formular ab, warnen uns vor den Krokodilen im Norden und wünschen uns eine gute Reise. Das Auto wurde an ganz bestimmten Stellen angeschaut, die Reifen haben sie aber grosszügig ausgelassen. Juhuuuuu! Wir haben unser Auto. Jetzt muss nur noch die Rechnung mit der Agentur beglichen werden und schon sind wir zum ersten Mal mit Osito in Australien unterwegs!!!

Damit in Melbourne, Victoria, ein Auto temporär eingeführt werden kann, muss man sich nur bei der Zulassungsstelle VicRoads eine TAC (Transport Accident Coverage, Haftplicht für Personenschäden, A$ 324.50 pro Jahr) beschaffen. Dazu reicht das Carnet de Passage, Führerschein und Fahrzeugausweis, damit alle Daten erfasst werden können. Dies muss erfolgen, bevor das Auto eintrifft. Ansonsten wird in diesem Staat nichts weiter verlangt, um ein ausländisches Auto fahren zu dürfen. Eine Haftpflichtversicherung für Sachschäden ist freiwillig.
In anderen Staaten (z.B. New South Wales und Western Australia) muss zuerst eine Fahrzeuginspektion (Roadworthiness) und eventuelle Anpassungen am Fahrzeug vorgenommen werden (Aufkleber "CAUTION LEFT HAND DRIVE", Scheinwerfer abkleben, etc.), bevor die Genehmigung erfolgt. In Victoria ist das definitiv nicht nötig.

Eine Kostenübersicht für die Verschiffung findet Ihr in der Statistik.

Nun geht’s Schlag auf Schlag, Osito wird auf Vordermann gebracht! Eine neue Windschutzscheibe wird eingepasst, ich mache einen grossen Service, neue Reifen und Batterien werden montiert, die hinteren Bremszylinder werden ersetzt, ein Schnorchel kommt dran, der Dachträger wird repariert und ein komplett neues Fahrwerk muss her, da die Blattfedern und Stossdämpfer allesamt platt sind. Die ganze Geschichte ist definitiv viel zu lange, um hier erzählt zu werden und für die meisten Leser nicht wirklich interessant, weshalb ich nicht näher darauf eingehe. Das gehört eher an den 4WD Stammtisch, aber ich kann mich schon bald diplomierten Automechaniker und 4WD-Spezialisten nennen.

Mit einer Hau-Ruck-Übung schaffen wir es innerhalb einer Woche alles zu erledigen und können am Montag den 5. Juli endlich losfahren!

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