8. - 17. März 2004: Die drei Lamas, Nerudas Haus und australische Bürokratie

(Sascha)

Nach der Irrfahrt des letzten Tages sind wir froh, dass wir endlich wieder Teer unter den Reifen haben. In Talca wollen wir bei der Casa Chueca vorbeischauen, ein Hostal, welches von Österreichern geführt wird. Olaf, der Reiseführer aus Samaipata in Bolivien, welchen wir beim Fitz Roy wieder getroffen haben, hat es uns wärmstens empfohlen.

Franz, der Besitzer, freut sich, dass wir vorbeischauen, lädt uns zum Kaffe ein, wo er uns sagt, dass wir hier leider nicht Campen dürfen und das Hostal ist auch ausgebucht. Schade. Ob wir denn in Eile seien, will er wissen. Nein, entgegnen wir, aber wir wollen Monique's Geburtstag feiern, welcher in zwei Tagen ist. Da meint der Franz, wir sollen doch einfach in ihre Andenhütte fahren, zur Lamalodge. Da können wir kostenlos bleiben so lange wir wollen, mitten in den Bergen, Geburtstag feiern, Reiten, Wandern, was wir wollen. Wir sollen dem Jaime, welcher die Hütte hütet einfach ein paar Früchte mitbringen und ihm dann ein Trinkgeld geben, wenn wir wieder gehen. Das Angebot schlagen wir natürlich nicht aus und so machen wir uns nach ein paar Besorgungen für die nächsten Tage und einer Nacht auf einem Camping in der Nähe von Talca, auf den Weg zur Lamalodge.

Die Hütte ist etwa 120km von Talca weg, in den chilenischen Anden und nur über eine schmale Schotterpiste zu erreichen. Zuerst fahren wir daran vorbei, aber dank der guten Wegbeschreibung von Franz, merken wir das schnell und finden die besagte Lamalodge. Jaime, Hüter der Hütte samt Hund Niño, begrüsst uns sogleich und zeigt uns alles. Auch die drei Lamas - Chicha, Dalai und Pumukel – kommen herbei und begutachten vor allem unser Auto. Es gibt sofort einen Lamastreit um den besten Schattenplatz und so liegen die drei die meiste Zeit in den nächsten Tagen um unser Auto herum, beschnuppern und bespucken es. Osito ist am Schluss ganz grün. Lecker.

Jaime ist eher etwas zurückhaltend, aber ein ganz lieber Kerl. Am Abend nimmt er uns mit auf einen Spaziergang und zeigt uns ein bisschen die Gegend. Hund Niño ist sein ständiger Begleiter. Niño hat aber auch eine Begleitung. Vor ein paar Tagen ist eine kleine Ziege zugelaufen, welche den Hund als Papi annektiert hat und nun die ganze Zeit hinter Niño her rennt. So gehen wir zu fünft.

Unterwegs sehen wir Chilenen beim Angeln, unweit davon ist auch ihr Lager, welches durch Zelte und herumliegenden Müll deutlich zu erkennen ist. Ein gastfreundlicher Angler lädt uns auf eine mit Wein gefüllte Melone ein und erklärt, dass sie hier ein bisschen angeln und feiern. Wenn sie dann gehen, werden sie natürlich allen Müll mitnehmen und den Platz sauber hinterlassen. Mal sehen. Wir spazieren wieder zurück und ich koche Spaghetti Carbonara für uns drei.

Tag zwei bei der Lamalodge. Monique hat heute Geburtstag. Ich bereite zur Feier des Tages ein Sektfrühstück mit Räucherlachs und allerlei anderen Leckereien. Wir machen uns einen schönen Tag mit spazieren gehen, im Fluss baden und Brombeeren pflücken. In diesem Tal hat es so viele Brombeeren, dass man, um ein Kilo Beeren zu pflücken, sage und schreibe fünf Minuten braucht. Monique zerkocht die Beeren zu Konfitüre, aber durch den hohen Eigengehalt an Zucker geliert das Zeug mit dem beigefügten Zucker so schnell, dass daraus Brombeerbeton wird. Aber lecker ist's. Abends erscheinen ein paar Schweizer, die von einer fünftägigen Reittour zurückkehren und welchen hier ein Asado bereitet wird. Sie laden uns ein, mitzuessen und fahren anschliessend weiter nach Talca. Als die Schweizer abgereist sind, sitzen wir noch gemütlich mit einem Gaucho und Jaime ums Feuer und trinken Mate.

Nun kommt Monique endlich zu ihrem Reitausflug. Jaime hat uns für den dritten Tag beim Nachbarn drei Pferde besorgt und macht mit uns einen Ritt am Fluss entlang. Monique und ich sind schon seit Jahren nicht mehr auf einem Pferd gesessen, aber der Versuch klappt auf Anhieb und so trotten wir mit drei PS davon. Es macht richtig Spass, auf so einem Gaul durch die Gegend zu reiten. Nach drei Stunden schmerzt uns aber langsam das "Füdli" und wir wollen eine kleine Pause machen, um unsere Sandwichs zu essen. Jaime fragt bei einem Bauernhof nach, ob wir uns dort in den Schatten setzen können, was wir dürfen. Die Frau entpuppt sich als Jaime's Verwandte und so haben sie auch gleich was zum Plaudern. Wir essen unsere Brote und ruhen ein bisschen. Kaum haben wir fertig gegessen, kommt ein etwas angetrunkener Bekannter der Frau und will uns auf ein Ziegenasado einladen. Ein "Nein" wird nicht akzeptiert, also müssen wir annehmen. Der Gute legt das Fleisch auf den Grill und sich selber neben das Haus und schläft ein. Nun kümmert sich die Frau um das Fleisch, bewirtet uns rührselig und entschuldigt sich auch noch für den Auftritt des Mannes. Die Leute besitzen hier fast nichts und das teilen sie auch noch. Es ist manchmal schwierig, solche Grosszügigkeit einfach anzunehmen, aber eine Ablehnung kränkt die Leute. Auf jeden Fall ist das Fleisch sehr lecker und nach ein bisschen Mate machen wir uns mit einem Dankeschön und vollen Bäuchen wieder auf den Rückweg. Nach etwa einer Stunde erreichen wir den Hof von Jaime's Tante, bei der er einen kurzen Besuch abstatten möchte. Wieder absteigen, inzwischen schmerzen nebst dem "Füdli" auch vor allem mir die Beine. Ich wackle also im Schlottergang hinter Monique und Jaime her und setze mich auf den nächsten Stuhl. Sein Onkel sitzt schweigend da und mustert uns, während die Tante den Tisch herrichtet. Schon wieder essen und trinken, Käse, Brot und Mate. Ein Nein gibt's nicht. Wir essen und sprechen über das Wetter, Brombeeren und Ziegen. Nach einem Stündchen verabschieden wir uns wieder. Jaime erzählt uns dann am späteren Abend, dass uns seine Tante auch noch zum Ziegenasado einladen wollte, was er dann doch abgelehnt hatte. Er fand das dann selber zu viel. Auf dem weiteren Rückweg fällt mir dann fast der Hintern ab, ja, wer's nicht gewohnt ist.

Kurz vor Schluss, kommen wir an der Stelle vorbei, an der vor zwei Tagen die Angler waren. Sauber aufgeräumt! Die Zelte und die Autos sind alle weg, das nennen die Leute aufgeräumt. Den Müll haben die gleich so liegen lassen wie er war, wozu denn auch auf den Haufen weiter hinten schmeissen? Auch hier haben manche Leute das Gefühl, dass sich Dosen und Plastik zersetzen. Da liegen nun Essensabfälle neben Flaschen, Dosen, kaputten Taschenlampen, Batterien, Kisten, Draht, etc. Wirklich schade, da kann man an so wundervolle Plätze kommen und verschandelt sie an einem einzigen Wochenende.

Nach über sechs Stunden reiten, erreichen wir gegen Abend die Lamalodge. Monique und ich steigen von den netten Pferdchen – bei mir ist das eher eine Tortur - und erledigt aber glücklich kriechen wir in die schon lieb gewonnene Hütte. Alles schmerzt, so wie wenn man das erste Mal Snowboard fährt. Der Schlaf übermannt uns schon bald und so geht ein weiterer Tag dem Ende zu.

Nun ist ein Erholungstag angesagt, wir schlafen aus, lecken unsere Wunden vom Reitausflug und geniessen die Sonne auf der Veranda. Am Abend machen wir mit Jaime, den drei Lamas, dem Hund und der Ziege nochmals einen kleinen Spaziergang. Danach zeige ich Jaime, wie man Kartoffelpuffer macht und wir freuen uns an den leckeren Puffern, welche mit Kartoffeln aus dem Garten der Lamalodge sind. Mampf! Wir geniessen den letzten Abend, plaudern und trinken Wein mit Jaime, welcher inzwischen schon richtig aufgetaut ist und uns Geschichten aus seinem Leben erzählt. Am nächsten Morgen fällt es uns denn auch schwer, von Jaime und seinen vierbeinigen Freunden Abschied zu nehmen. Als wir ihm zum Dank ein Schweizer Offiziersmesser schenken, freut er sich riesig und holt sogleich ein grosses Glas Brombeerkonfitüre, welches er uns schenken will. Wir können ihn überreden, uns nur ein bisschen davon in ein Tupperwaredöschen umzufüllen, denn was sollen wir mit einem Liter Konfitüre anfangen. Ein bisschen traurig fahren wir ab.

Auf dem Rückweg nach Talca schauen wir noch mal bei der Casa Chueca vorbei, um uns zu bedanken, aber leider ist Franz unterwegs. Jedoch treffen wir da Olaf wieder an, welcher gerade auf dem Rückweg nach Bolivien ist und der freut sich ganz doll uns zu sehen. Also verplaudern wir noch ein bisschen den Nachmittag und machen uns dann auf den Weg zum Einkaufen.

Gleich in der Nähe ist ein Shoppingzentrum, wo wir unsere Vorräte aufstocken können und es hat erst noch ein Kino, wo wir sogleich auch hingehen, um uns den Oscarprämierten Streifen "Mystic River" anzuschauen. Nach einer Nacht bei einer Tankstelle steuern wir den Nationalpark Siete Tazas an und nach einer kleinen Tour verlassen wir diesen auch schon wieder, um uns auf den Weg Richtung Isla Negra, unserer nächsten Etappe zu machen.

Isla Negra ist ein kleiner Ort nahe Valparaiso an der Küste Chiles, welcher durch einen seiner Einwohner, genauer dem berühmten Dichter und Nobelpreisträger Pablo Neruda, bekannt geworden ist. In seinem Haus, welches immer noch dort steht, Pablo Neruda starb 1973 kurz nach dem Militärputsch, ist inzwischen ein Museum eingerichtet worden, wo man sein Grab und das Haus selber mit seiner ursprünglichen Einrichtung bewundern kann. Der Dichter war für seine Sammelleidenschaft bekannt und so ist das Haus, welches eigentlich aus mehreren kleinen Häusern besteht, angefüllt mit vielen interessanten und kuriosen Gegenständen, welche Neruda auf seinen Reisen und Auslandaufenthalten während seines bewegten Lebens angesammelt hat. Wer nach Chile reist wird immer wieder auf irgend etwas treffen, was mit Pablo Neruda zu tun hat. Ist er doch der grösste chilenische Dichter, welcher im ganzen spanischen Sprachraum und weit darüber hinaus zu Ruhm gekommen ist. Er hat Chile nicht nur durch seine Dichtung, sondern auch durch sein politisches Engagement geprägt, was unter anderem auch Salvador Allende 1970 zum Wahlsieg verholfen hat.

Weiter nach Santiago, wo wir im Reisebüro dank Studentenausweisen, welche wir in La Paz offiziell machen liessen, billiger Flugtickets nach Australien reservieren konnten, die wir nun definitiv buchen und bezahlen wollen. Ich habe von Leuten gehört, die nicht ins Flugzeug gelassen wurden, wenn sie keinen Weiterflug aus dem Land haben. Nun, nach offizieller Aussage der australischen Botschaft brauche ich dies nicht. Da Monique den australischen Pass hat, spielt das für sie eh keine Rolle. Ich frage dann trotzdem noch mal zur Sicherheit im Reisebüro nach, worauf die Fluggesellschaft nach Rückfrage tatsächlich auf einen Rück- oder Weiterflug besteht. Toll. Ich muss also, obwohl eigentlich kein Bedarf besteht, wegen der Fluggesellschaft ein Retourticket kaufen, auf welchem ich dann vielleicht eine Rückerstattung in Australien erhalten kann. Super. Na, wir werden sehen. Es könnte ja eventuell sein, dass ich vielleicht nicht nach Australien einreisen darf, weshalb die Fluggesellschaft auf keinen Fall irgendwie haftbar gemacht werden kann. Es ist immer wieder erstaunlich, wie bescheuert manche Abläufe sind.

Was das Visum für Australien betrifft, so ist das noch mal eine andere Geschichte. In der Schweiz kein Problem, hier wird's zum Spiessrutenlauf. Die haben sich wohl bei den Amerikanern abgeschaut, wie man es dem Touristen möglichst schwer macht und dann alles noch einmal verkompliziert. Ich kann als Schweizer einfach so im Internet ein elektronisches Visum lösen, mit welchem ich während zwölf Monaten so oft ich will für jeweils drei Monate einreisen kann. Ich kann aber nicht ohne weiteres hier vor Ort ein längeres Visum (z.B. ein Mal neun Monate) beantragen, da ich hierzu einen Stapel Papiere nebst Bescheinigungen, Beweismitteln, Röntgenbildern und ärztlichen Untersuchungen, welche von mal zu mal mehr werden, samt meinem Pass abliefern muss, aber niemand weiss, was jetzt wirklich benötigt wird. Es ist schon interessant, nach etlichen E-Mails und Telefonaten (normalerweise kommt auch nur eine elektronische Stimme, welche immer das Gleiche erzählt), weiss ich immer noch nicht recht, ob sie mir hier ein Langzeit-Visum ausstellen werden. Ich kann zwar mit dem Kurzzeitvisum einreisen, aber muss es dann vor Ort für etwa den vierfachen Preis verlängern. Oder ich reise alle drei Monate für einen Tag nach Neuseeland, das hat mir die Lady auf der Botschaft geraten, denn normalerweise will keiner von Chile aus länger als drei Monate nach Australien. Eigentlich wissen die einfach nicht, was sie machen müssen. Und in der Schweiz konnte man ja nicht mehr als ein Jahr im Voraus ein Visum bestellen. Aaaaaaarghhh!!!

Genug gejammert, weiter geht's nach Argentinien…

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