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Am 29. Februar 2004 verlassen wir Bariloche und fahren nach San Martin de los Andes, wo Monique und ich unser Vierjähriges feiern wollen. Monique holt bei der Touristeninformation Restaurant-Tipps ein, worauf wir diese Lokalitäten kurz abklappern, bevor wir uns für eines entscheiden. Um neun trudeln wir dann im Restaurant "Avatares" ein (natürlich sind wir zu dieser frühen Stunde die ersten) und geniessen ein unvergessliches Abendessen. Linguini mit Brie, Nüssen und Spargeln, dreierlei Crème Brûlée für Monique, Spargelflan mit Morcheln, Lammcurry mit verschiedenen Chutneys und Irish Coffe für mich. Dazu ein nettes Fläschchen vom guten Rotwein und ein wirklich tolles Ambiente. Wir geniessen den Abend und müssen schmunzeln, als wir die Rechnung kriegen… Argentinien ist einfach preiswert! Nach dem Essen plaudern wir mit einer der Besitzerinnen, das Restaurant gehört drei Frauen, als Monique anmerkt, dass doch hier in der Nähe ein Bekannter ihres ehemaligen Chefs als Wildhüter auf einer Estancia arbeitet. Die Dame meint, hier käme auch öfters mal ein Schweizer Namens Beat vorbei, worauf fest steht, dass wir den Gleichen meinen. Sie meint, wir sollen doch da hin… Nun denn, anderntags fahren wir also zu diesem Parque Diana (Privat), wo dieser Beat arbeiten soll. Der Pförtner meldet uns an und kurz darauf erhalten wir nach einer Wegbeschreibung Einlass auf das riesige Privatgrundstück. Wir finden das besagte Haus und werden dort von Beats argentinischer Freundin Guadelupe gleich einmal zu Mate und Kuchen eingeladen. Beat sei noch unterwegs, komme aber bald. Wir plaudern ein bisschen, als Beat auch schon erscheint. Er freut sich, dass wir einfach so vorbeigekommen sind und lädt uns zum Abendessen ein. Vorher besichtigen wir aber noch kurz die Hirschzucht. Beat fährt das gleiche Auto wie wir und so ist es ganz lustig, mal in einem anderen Land Cruiser herumkutschiert zu werden. Die Estancia fungiert als Jagdpark, wo reiche Touristen auf Bestellung einen Hirsch ihrer Wahl, abschiessen können. Die Preise richten sich nach Grösse und Anzahl der Enden des Geweihs. So kostet die billigste Variante um die 5000 US$ und geht nach oben hin bis etwa 150000 US$ für ein Prachtsexemplar. Wohlgemerkt, das ist der Preis für den Abschuss eines einzigen Hirsches! Verrückt, aber anscheinend gibt es Leute, die für so etwas bezahlen, die Unterkunft kostet nochmals extra. Wir beschauen also die Zucht und machen eine Fahrt durchs Grüne, wo wir noch viele andere Tierchen sehen können. Beat erzählt von Pumas und Füchsen, aber wir hoffen eigentlich, dass wir keine sehen, denn er müsste sie sogleich schiessen, da die Tiere eher eine Plage als ein Segen im Park seien. Später essen wir gemeinsam und hören noch einiges an Geschichten aus 30 Jahren Leben in Argentinien, bevor wir uns bedanken, verabschieden und müde zu Bett gehen. Danke Beat! Auf zu den Vulkanen. Es geht gemütlich über den Tromen Pass Richtung Chile, wo sich uns auf dem Weg schon der Vulkan Lanin in seiner Pracht offenbart. Der Grenzübertritt ist in zehn Minuten erledigt und so sind wir wieder mal in Chile und fahren durch bis nach Pucon. Bei strahlendem Sonnenschein und bester Sicht auf den Vulkan Villarica, fahren wir am nächsten Morgen mit Osito auf den Vulkan. Da gibt es im Winter Skipisten und im Sommer kann man mit dem Auto bis an die Skistationen heranfahren. Die Wandertour auf den Vulkan ersparen wir uns, da bei unserem momentanen Fitnessgrad dies wohl eher zu einer Wandertortur würde (ausserdem ist uns der Gedanke an kalten Schnee zuwider). Die Aussicht ist auch von hier umwerfend. Ein weiterer Tag voller Naturwunder. Am Abend nächtigen wir auf einem Camping, welcher einem vor 50 Jahren ausgewanderten Schweizer gehört, das Fest geht weiter… Der Conguillo Nationalpark ist unsere nächste Destination. Der Vulkan Llaima ist immer noch aktiv und der Weg führt durch erstarrte Lavaströme. Wir staunen über die bizarren Formationen des schwarzen Vulkangesteins. Der Park ist voll von prächtigen Araukanien, Bäume, welche vor allem in dieser Gegend vorkommen. Auf dem Campingplatz am See treffen wir auf bekannte Gesichter, Waltraud und Jürgen, mit welchen wir den Tag bei Whisky und Schokolade beschliessen. Am nächsten Morgen werden wir von Regentrommeln aufs Dach geweckt und so machen wir uns gleich auf zum Hostal Suizandino, wo wir schon vor ein paar Monaten einmal bei gleichen Witterungsverhältnissen waren, welches dem Schweizer Ehepaar Eva und Tom gehört. Wir können dort mit Osito stehen und dürfen im kuschelig warm geheizten Aufenthaltsraum den ganzen Tag Schweizer Heftli lesen. Fast wie zu Hause. Wir bleiben bis sich das Wetter bessert, da wir dieses Mal den Vulkan Lonquimay sehen wollen. Also verbringen wir einen weiteren Tag hier und gehen ein bisschen in den heissen Thermen in der Nähe baden (riecht ein bisschen wie im Reptilienhaus), wo wir uns auch wieder mal eine Massage gönnen. Ach, geht es uns doch gut! Als endlich das Wetter wieder wie gewohnt aus Sonnenschein besteht, verlassen wir das Suizandino und wollen uns den Vulkan Lonquimay anschauen. Auch hier fahren wir den Skiliften entlang hinauf, bis Osito nicht mehr weiter kann und geniessen erneut eine tolle Aussicht. Es ist nun etwa 15 Uhr und nach einem Blick auf die Karte, beschliessen wir, dass man ja durch den Nationalpark über Ralco nach Talca fahren kann und so einiges an Kilometern sparen könnte. Welch grandiose Idee… Wir holpern also über relativ gute Schotterpiste durch unwirkliche Landschaften, machen Fotos und freuen uns, dass die Strasse so gut ist. Auf etwa halbem Weg wird die Strasse noch besser und wir fahren über eine nagelneue riesige Brücke, wonach auch gleich gut beschildert der weitere Weg gewiesen wird. Das war's dann auch, nach einem Tunnel ist nämlich Sense und wir sind auf etwas unterwegs, was eher einem Wanderweg, als einer Strasse ähnelt. Nach ein paar Kilometern werden wir dann doch etwas skeptisch und fragen uns, ob wir wohl richtig seien. Da das GPS weg ist und wir keinen Kompass haben, kann ich ja schlecht überprüfen, ob die Richtung stimmt… Also fragen wir jeden, den wir treffen nach dem Weg, und alle sagen nur: "Ja, da geht’s nach Ralco". Gut. Wir fahren weiter. Der Weg wird immer schmaler. Umdrehen ist jetzt nicht mehr möglich. Toll. Natürlich verwandelt sich die vorher flache Strasse in ein trichterförmiges Bachbett, welches dazu schmal, kurvig und steil ist. Zum Glück regnet es nicht, denn der Boden ist schon aufgeweicht. Ich fahre also in der Untersetzung im ersten Gang mit Schleichtempo diese Superstrasse hinauf. Monique macht nur noch ein schockiertes Gesicht und klammert sich am Haltegriff fest. Mir steht der Schweiss auf der Stirn, Adrenalin fliesst, das Herz pocht und der Atem geht schwer. Endlich wieder mal so richtiges Off-Road Feeling… Aber muss das gerade jetzt sein… Man sieht nicht wo man fährt, anhalten geht nicht, das Auto rutscht immer wieder ab, wenden kann man vergessen, einfach weiterfahren. Bloss nicht anhalten. Endlich oben. Nein, das war's noch nicht. Runter und gleich wieder rauf, toll. Nach über zwei Stunden und vielleicht knappen zehn Kilometern kommen wir an einem Bauernhof vorbei. Wieder mal nach dem Weg fragen, Antwort: "Ja, hier geht's nach Ralco, nach dem Bach links, über die einzige Brücke und dann wieder fragen". Wann gilt ein Bach als Bach? Wir überqueren mehrere Bäche, aber man kann nie links, oder da ist ein Tor. Beim grössten Bach können wir tatsächlich zwischen rechts und links wählen. Also links. Ein ganzes Stück weiter kommt nun ein Tor. Ich steige aus und will nachschauen, als auch schon ein altes verschrumpeltes Männlein erscheint. Auf die Frage, ob hier eine Brücke sei, meint er "Ja, die einzige weit und breit", dafür will er aber Geld, sonst dürfen wir nicht drüber, da die Brücke auf privatem Grund ist. Der Typ schaut so ärmlich drein, dass wir ihm die umgerechnet vier Franken bezahlen, damit wir noch vor Dunkelheit hier weg kommen. Er lässt uns passieren und wir stehen vor der "Brücke". Auch das noch! Ist ja toll, wir erinnern uns an die Transpantaneira in Brasilien, wo die Brücken so ähnlich aussahen. Ich inspiziere den Bretterhaufen, verschiebe das eine oder andere Brett, prüfe wo die Balken liegen und entschliesse mich dann endlich über dieses Schrottgestell zu fahren. Es knarrt und krächzt, aber es hält, schaut wieder mal schlimmer aus, als es ist. Endlich drüben. Nach über drei Stunden Horror sind wir wieder auf fast normaler Schotterstrasse. Kurz darauf erreichen wir einen Polizeiposten, wir fragen nach dem Weg. Die Jungs schauen mich nur erstaunt an und fragen, wo wir denn her kommen. Bei meiner Antwort machen sie noch grössere Augen und bestätigen, dass ich den richtigen Weg gefahren bin, dieser aber doch in einem saumässigen und gefährlichen Zustand sei. Wenn das schon die Chilenen so bezeichnen, was soll ich dann sagen? Sie geben ein paar gute Ratschläge für den Weg und so machen wir uns auf die Socken, denn wir wollen ja noch bis Ralco. Irgendwann wird's dann dunkel, aber wir fahren noch eine Weile weiter. Selbstverständlich verfahren wir uns noch und als wir dann über die richtige Strasse tuckern, ist der Weg um halb zehn an der schmalsten Stelle durch ein Auto blockiert, welches eine Panne hat. Nach erfolglosem Hilfeversuch probiere ich die Leute dazu zu überreden, dass wir das Auto gemeinsam aus dem Weg schieben, was sie nach langem hin und her auch bereit sind zu machen. Nochmal eine Stunde Fahrt, bis wir endlich an ein Hotel kommen, wo wir auf dem Parkplatz übernachten dürfen und auch völlig fertig in die Federn fallen. Alles ist gut. Das war wirklich ein abenteuerlicher Tag! |
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