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Wir schreiben Freitag, den 13. Februar 2004 und sind seit gestern in Puerto Montt, wo wir als erstes wieder einmal heftigst Kinobesuche machen. Innerhalb von 24 Stunden sehen wir "Lord of the Rings, Return of the King", "The Last Samurai" mit Tom Cruise und "Captain of War and Sea" mit Russel Crowe. Ah, tut das gut wieder einmal Filme auf Grossleinwand zu sehen, sonst besteht ja unser Filmvergnügen aus raubkopierten VideoCDs, welche wir bei lustigen Strassenhändlern zu läppischen Preisen erstehen können, um sie dann in Osito auf dem Laptop anzuschauen. Erfüllt von Monumentalfilmen und gestärkt von einer guten Mütze voller Schlaf frühstücken wir am nächsten Morgen (es ist Valentinstag) gemütlich auf dem Campingplatz, als Bärbel und Bernd, unsere lieb gewonnen Land Rover Rentner, auf den Platz fahren. Die beiden kommen gerade von der Insel Chiloé her. Da wir heute aber noch einen Abstecher nach Puerto Varas machen, wo wir ein Valentinstagsdiner auf Kosten eines edlen Reisekassespenders geniessen wollen, verabreden wir uns mit den beiden für den nächsten Tag. Wir machen trotzdem noch einem gemeinsamen Spaziergang zum Hafen, wo wir dann interessanterweise wieder auf das Greenpeaceschiff "Arctic Sunrise" treffen. Heute kann es tatsächlich auch besichtigt werden. Wir begutachten den etwas gammligen Seelenverkäufer, welcher mal als Robbenfänger eingesetzt wurde, und ich frage mich, warum eine Umweltorganisation wie Greenpeace so eine grausige uralte Dreckschleuder mit allerlei benzinfressendem Zubehör (Hubschrauber, Schlauchboote, Generatoren) betreibt, was wohl damit zu begründen ist, dass die Spenden nicht für unnötiges Zeug verbraten werden (z.B. Hubschrauber ;-)). Na ja. Wie gesagt, verbringen wir den Valentinsabend im netten Bistro-Restaurant Merlin in Puerto Varas, um dann am nächsten Morgen wieder mit Bärbel und Bernd zusammenzutreffen. Wir gehen gemeinsam Essen, leckere frische Meeresfrüchte und Fisch beim Hafen Angelmó, tauschen Reisetipps aus und erzählen uns gegenseitig nette Räubergeschichten. Nachdem wir nun insgesamt fünf Tage in Puerto Montt waren, beschliessen wir endlich auf die Insel Chiloé zu fahren. Sie erscheint in unseren Köpfen als mystische, unheimliche, regnerische (über 300 Regentage pro Jahr) Zauberinsel voller interessanter Kirchenbauten und wird so in manchem Reiseführer besungen. Wir sehen nichts mystisches, da ständig die Sonne scheint und so fahren wir auf dieser wilden sonnigen Insel auf allerlei Schotterpisten herum, geniessen die saftigen Wiesen, schauen uns drei oder vier Kirchen an, welche mich eher kalt lassen und nach der ersten schon langweilen. Ansonsten ist's auch, wie fast überall wo wir bisher waren, einfach schön. Wir können einfach nicht nachvollziehen, wie andere Reisende in Südchile immer nur schlechtes Wetter beklagen, da wir nun schon seit fast 4 Wochen, mit Ausnahme von zwei Tagen, eigentlich immer Sonnenschein haben. Na denn, wir wollen ja nicht jammern, nach zwei Nächten und drei Tagen auf Chiloé, verlassen wir die Insel und gehen noch mal in Puerto Montt ins Kino (herzerwärmend und very british: "Love actually"). Tags darauf beschliessen wir, im grossen LIDER Supermarkt noch einmal gross einzukaufen, bevor wir weiter nach Norden fahren. Auf dem überwachten Parkplatz stellen wir Osito wie üblich direkt vor den Eingang in Sichtweite der Sicherheitsleute ab und schlampigerweise, da wir bis jetzt ja nie Probleme hatten, lasse ich das GPS eingeschaltet und decke unsere Sachen nur ein bisschen ab. Es ist ja nur kurz. Als ich kurz nach Monique wieder aus dem Supermarkt herauskomme, stehen mehrere Sicherheitsleute mit einer Digitalkamera in der Hand um Osito. Monique schaut mich entsetzt an und erklärt, dass in unser Auto eingebrochen wurde. Der Chef der (Un-)Sicherheitstruppe erklärt mir stolz, dass sie den Dieb verscheucht hätten und dass er die Radioabdeckung gerettet habe. Super. Das GPS, der MP3 Player, eine Kleinbildkamera, der Feldstecher und Moniques Täschchen, gefüllt mit Handcreme - der Dieb leidet wohl unter rissigen Händen - sind weg. Glücklicherweise sind die Sachen versichert (ausser der Handcremes) und ich habe ein Backup der Musik- und GPS-Daten. Der Dieb hat auch nicht genug Zeit gehabt, wirklichen Schaden anzurichten, denn im Fahrzeug wären auch noch so nette Spielsachen wie Moniques Laptop und Digitalkamera oder meine teuere Fotoausrüstung zu finden gewesen, was doch viel ärgerlicher und nicht ohne weiteres ersetzbar gewesen wäre. Glück im Unglück. Daraufhin bietet uns der Chef an, als Zeuge zur Polizei mitzukommen, was wir auch annehmen. Nun haben wir das seltene Glück auch mal ein bisschen chilenische Bürokratie näher kennenzulernen. Die chilenische Polizei, hier heissen sie wie in Italien "Carabinieros", ist ein Relikt aus der Pinochet Ära, direkt dem Militär unterstellt und somit etwa ähnlich intelligent in ihrer Funktionsweise. Um 13:30 Uhr treten wir ein, das Polizeirevier ist gleich neben dem Supermarkt, wie praktisch. Ich möchte gerne Anzeige erstatten und verlange eine Bestätigung der gestohlenen Sachen, damit ich diese meiner Versicherung melden kann. Die Herren erklären mir, wohl mangels Arbeitsmotivation, dass ich doch nur eine Verlustmeldung brauche, welche Sie mir gerne ausstellen würden, da doch eine Anzeige viel zu aufwändig sei und ich ja nichts davon habe. Nach Rücksprache mit der Versicherung, erkläre ich, dass dies in Ordnung ginge. Der freundliche Beamte ist nun aber gerade am Mittagessen und so warten wir erst mal ein Weilchen. Nach einiger Zeit kommt jemand anderes und fragt, ob wir denn nicht "bedient" werden und verschwindet sogleich mit wichtiger Miene, um dann bei Rückkehr stolz zu verkünden, der Beamte sei gerade beim Mittagessen und komme gleich. Bravo. Wir warten weiter. Inzwischen ist erst eine Stunde vergangen und so sind wir positiv überrascht, als der junge Carabiniero uns auch schon empfängt. Er händigt mir einen Fresszettel aus, und will in seinem Buch notieren, was mir abhanden gekommen sei. Auf die Frage, was denn mit meiner Bestätigung sei, sagt er nett lächelnd, dass auf meinem Zettel eine Nummer stehe, mit welcher die Versicherung dann per Internet bei ihnen anfragen könne, worauf dann ein Beamter im handgeschriebenen Buch unter dieser Nummer das Unleserliche herausliest und sogleich wieder per E-Mail zurücksende. Das mache man immer so. Ich erkläre, dass wir Schweizer sind und unsere Versicherer gerne etwas mehr als ein zerknittertes Papierchen mit einer Nummer drauf hätten, ich denke da eher so an ein richtiges Formular, wo draufsteht, dass etwas gestohlen wurde und worauf auch eine offizielle Unterschrift samt Stempel zu finden ist. Er lächelt und sagt, dann müsse ich aber eine Anzeige machen, worauf ich auch nur lächle und sage "Si, por favor!". Während er versucht den diensthabenden 1. Offizier zu organisieren, erzählt er uns nebenbei, dass es hier in Puerto Montt ja eigentlich gar keine Kriminalität gäbe und dass der Dieb sicher aus Osorno oder so käme. Da ja Hochsaison ist, kommen manchmal Diebe her, denn hier gibt's nur anständige Leute. Auf die Frage, ob es hier vielleicht einen Schwarzmarkt gäbe, wo man Diebesgut finden kann, antwortet er nur, dass es so etwas in Chile gar nicht gibt. Ja ja, wo kauf ich denn unsere VideoCDs? Lustig, die glauben noch alle an den Weihnachtsmann hier… Ob wir denn mal kurz aufs Klo dürften, fragen wir, worauf uns der junge Mann durch die Polizeistation zu einer verschlossenen Tür führt, feststellt, dass sie verschlossen ist, sich wundert und sagt, er komme gleich wieder. Er muss den Schlüssel irgendwo ausser Haus organisieren, denn in der Station hat niemand einen Schlüssel. Pinkeln tun sie in Chile wohl auch nie. Wir warten relativ lange und dürfen dann doch noch. Also, der Diensthabende kommt und will mir zuerst wieder die Anzeige ausreden. Nein, ich will einen Zettel mit Stempel, beharre ich. Er muss das zuerst mit der Präfektur (aha!) abklären, da ich ja Ausländer bin und das Land verlassen werde, also nicht vor Gericht erscheinen würde (als ob sie jemals den Dieb finden würden). Er telefoniert mit der Präfektur, worauf sie ihm sagen, er soll doch eine Anzeige ausfüllen. Gut. Da der Oberchef zur Unterschrift benötigt wird und der gerade nicht da ist, wen wundert's, müssen wir uns noch ein wenig gedulden. Er meint, er könne ja inzwischen die Formulare ausfüllen. Gute Idee. Als erstes, muss alles mal von Hand in ein Buch geschrieben werden, mit Nummer natürlich, bevor man das Gleiche dann im Computer nochmals eingeben kann. Wer nun schon einmal mit Word gearbeitet hat, kriegt sofort Schreikrämpfe, wenn man sieht, wie die Jungs hier auf modernsten Computern (wirklich, alles neu und top!) ein Formular ausfüllen. Also, zuerst wird ein Dokument gesucht, welches als linierte Rohfassung etwa so Aussieht: Name ______________________ Vorname _________________, etc. Das schaut doch aus, wie etwas, das man ausdruckt, dann ausfüllt, kopiert und unterschreibt. Nein, nichts da, zuerst wird mittels Adlersystem jedes Feld irgendwie ausgefüllt, dann werden die "___________" gelöscht und wieder eingefügt, bis es wieder ungefähr mit den Abständen stimmt. Gespeichert wird natürlich nicht, da es sich ja um eine Vorlage handelt, welche später noch gebraucht wird, auch nicht unter anderem Namen, geht ja nicht. Wenn dann alles eingefüllt ist, was sehr lange dauert, wird gedruckt. Papier gibt's natürlich nur in einem anderen Büro, denn Papier darf nicht im gleichen Raum wie Drucker gelagert werden, oder so. Also, mit genau abgezählten Bögen wird gedruckt, natürlich in dreifacher Ausführung, wozu sich ein farbiger Fotodrucker bestens eignet. Dann wird noch ein anderes Formular erstellt, gleiches Spiel, nochmals Papier organisieren. Zur Krönung wird dann zusätzlich handschriftlich und mittels Durchschlagspapier eine Liste mit gleichem Inhalt in dreifacher Ausführung erstellt, wobei wegen eines Fehlers beim Abschreiben, nochmals von vorne angefangen wird. Endlich darf ich unterschreiben und werde vertröstet, dass der Chef ein bisschen später komme, wir uns also noch etwas gedulden müssten. Inzwischen erzählt uns auch dieser diensthabende 1. Offizier, dass es in Puerto Montt wirklich keine Kriminalität gäbe, sie hier eigentlich nie etwas zu tun hätten draussen wartet inzwischen eine Familie, um ebenfalls eine Anzeige wegen eines Raubüberfalls zu erstatten und überhaupt, so etwas wie Schwarzmarkt oder Orte wo Diebesgut verkauft würde, gäbe es in Chile gar nicht. Jeder Chilene würde sofort Anzeige erstatten, wenn er irgend etwas in der Art sehen würde. Danke für die Information. Endlich ist auch der Chef da und so kriegen wir die benötigte Unterschrift. Acht Formulare bleiben bei Ihnen und eins ist für mich, toll! Wir bedanken uns für die netten vier Stunden, die wir im Revier verbringen durften und stellen kurz darauf fest, dass wir noch etwas vergessen haben. Auf die Bitte, ob sie das noch einfüllen könnten, verwirft der Beamte die Hände und meint, dass er in dem Falle noch einmal alles von vorne machen müsste, war ja nichts gespeichert, und überhaupt ist der Chef jetzt weg, womit ich bis morgen warten müsste und sowieso habe er jetzt keine Zeit, da er nun die Anzeige dieser Familie aufnehmen müsse, welche gerade beraubt worden ist. Also füllen wir, entgegen seinem Willen, von Hand ein und somit ist das Thema erledigt, was wollen Sie schon machen, uns verhaften? Wir ziehen laut lachend von dannen und wundern uns über gar nichts mehr… Die Versicherung in der Schweiz hat die Sache bereits erledigt, was mich freudig stimmt und die Episode ist schon in die Ecke "lustige Anekdoten einer Reise" ausgegliedert worden. Von Puerto Montt fahren wir also nun nach Norden, diesmal an Puerto Varas vorbei, umrunden den Lago Llanquihue, kaufen beim Fabrikverkauf der lokal ansässigen Fleischverarbeitungsfirma Gebrüder Mödinger, Schweins- und Rindsfilet, leckeren Fleischkäse und Beinschinken; wie zu Hause. Während wir schlemmend um den See herumfahren, kommen wir dem erloschenen Vulkan Osorno immer näher und freuen uns an der immer spektakulärer werdenden Aussicht auf diesen perfekten Konus mit einer weiss gepuderten Spitze. Auf einem Campingplatz in Ensenada geben wir unsere Wäsche zum Waschen ab, da uns der Campingplatzbesitzer verspricht, die Wäsche bis zum Mittag des nächsten Tages gewaschen und getrocknet zu haben. Wir bestaunen das rote Glühen des Vulkans bei Sonnenuntergang und beschliessen den schönen Tag mit einer leckeren Chinapfanne. Als gegen Mittag des folgenden Tages der nette Campingplatzchef mit der Wäsche erscheint, welche noch pitschnass ist, fragt er uns, ob es uns störe, dass noch alles nass ist, denn er und seine Frau, welche die Wäsche gewaschen habe, hätten leider verschlafen und somit sei die Wäsche noch nass. Auf die Frage, was wir denn mit nasser Wäsche in unserem Kleiderschrank machen sollen, zuckt er nur mit den Achseln und bietet an, die Wäsche nochmals aufzuhängen, was wir dann selber tun. Die Sonne erledigt ihre Arbeit und so können wir nach vierstündiger Trockenzeit weiterfahren, wobei wir in diesem Falle nur eine kleine Strecke zurücklegen. Neuer Tag, der 23. Februar 2004, neues Glück. Heute wollen wir wieder einmal nach Argentinien, diesmal ist San Carlos de Bariloche in Argentinien das Ziel. Vor uns liegt einer der grösseren Grenzübergänge und somit machen wir uns bereit, den Zöllnern die Stirn zu bieten. Chilenischer Grenzposten, Ausreiseformalitäten. Der Migrationsbeamte stempelt teilnahmslos unsere Pässe und weiter geht's zum Zoll, Auto-Ausfuhr. Der einem Walross nicht unähnlich aussehende Beamte begutachtet unsere temporäre Einfuhrbewilligung für das Auto, kratzt sich am Kopf und wundert sich. Dann fragt er mich, wo wir ins Land eingereist sind. Ich entgegne, dass stehe auf dem Zettel, Paso Rodolfo Roballos. Dummerweise heisst der in Chile nicht gleich wie in Argentinien, weshalb er mich ungläubig anschaut. Er verschwindet kurz und kommt wieder zurück. Walross fragt erneut, wo wir denn eingereist seien. Ich gebe die gleiche Antwort wie vorher, nun aber auf dem Formular ablesend mit der chilenischen Bezeichnung des Grenzübertritts. Er macht wieder das gleiche Spiel wie vorhin. Weg, wieder da, erneut die gleiche Frage. Inzwischen wundere ich mich was los ist, denn an meinem Spanisch wird's wohl kaum liegen, also frage ich Walli was denn das Problem sei. Schweigen, weg, wieder da, gleiche Frage. Nachdem dieses Karussel noch ein wenig weiterdreht, fragt mich Walli, wie wir denn von dem Einreiseort da unten hierher nach oben kämen. Meine Antwort lautete: "Mit dem Auto", worauf er wieder ungläubig dreinschaut. Umformulierung der Frage; auf welchem Wege wir denn hierher gekommen seien? Antwort: "Carretera Austral". Unglauben. Das gehe doch gar nicht, da muss man wieder durch Argentinien. Antwort: "Doch, das geht". Aber da sei doch gar keine durchgehende Strasse. Antwort: "Ja, wir mussten auch mal eine Fähre nehmen". Und siehe da, irgend ein Zahnrad greift ins andere und der Gesichtsausdruck von Walli dem Walross wechselt von Unverständnis zu allumfassender Klarsicht. Die Fähre! Heureka, das ist das Ei des Kolumbus! Er sei halt geografisch nicht so informiert, aber jetzt sei alles klar, macht den Stempel auf den Zettel und entlässt uns nach Argentinien. Die Bilanz seit Ushuaia:
Das war wieder mal ein teurer Monat…wenn's weiter nichts ist. Wir lassen uns nicht unterkriegen. |
fotoalben | |