24. Januar - 12. Februar 2004: Die Carretera Austral oder Osito's Leidensweg geht weiter

(Sascha)

Es gibt einige Begriffe, auf welche man immer wieder stösst, wenn man sich ein wenig mit Südamerika befasst. Neben der Peninsula Valdés, Feuerland, Torres del Paine, um einige Nationalparks zu nennen, gibt es auch berühmte Strassen: Es sind dies die Panamericana, die Ruta 40, Transamazonica und eben die Carretera Austral.

Die Carretera Austral ist ein ehrgeiziges Projekt, welches in den achtziger Jahren noch unter Pinochet gestartet wurde. Es soll von Puerto Montt bis nach Feuerland, genauer Puerto Williams, eine einzige, soweit möglich, durchgehende Strasse gebaut werden, welche nicht über argentinisches Hoheitsgebiet verläuft. Sieht man sich eine Landkarte von Chile an, stellt man schnell fest, dass das wohl ein nicht ganz leichtes Unterfangen sein kann, da doch haufenweise Berge, Meerengen, Fjorde, Flüsse, Seen, Gletscher und weiss was noch alles für Hindernisse im Wege sind. Bis heute existiert das Teilstück Puerto Montt – Villa O’Higgins, welches grossteils noch schmale Schotterpiste ist, wovon nur ein kleiner Teil geteert und nur mit Hilfe von drei Fähren zu bewältigen ist. Der Grossteil der Strecke führt durch dichten Regenwald und ist gesäumt von üppigem Wildbewuchs in Form von riesigen Nalcablättern, welche wie überdimensionaler Rhabarber aussehen.

So haben auch wir vor, diese Strasse von unten nach oben abzufahren. Gesagt getan.

Wir starten also in Ushuaia, fahren zügig nach Norden, über Rio Grande, Rio Gallegos bis zum Monte Leon and der Atlantikküste (siehe Fotoalbum). Dann geht's wieder auf die Ruta 40 und nochmals nach El Calfate und zum dortigen Gletscher Perito Moreno, welchen wir auf der Fahrt nach Ushuaia schon mal besichtigt haben. Weiterfahrt zum Fitz Roy bei El Chalten, welchen wir bei bestem Wetter postkartenmässig zu Gesicht bekommen. Als nächstes kommen drei Tage im wundervollen Nationalpark Perito Moreno dazu, nicht zu verwechseln mit dem Gletscher, bevor wir dann Richtung Chile fahren.

Um auf den südlichsten Teil der Carretera Austral (CA) zu gelangen, kann man zwischen verschiedenen Pässen wählen, welche von der Ruta 40 in Argentinien auf die CA in Chile führen. Wir entscheiden uns für den südlichsten Pass, Paso Rodolfo Roballos, welcher uns wieder einmal durch schönste Landschaften – wie könnte es schon anders sein - und an winzigen Grenzposten vorbei auf die CA führt. Der chilenische Grenzwächter ist von der gemütlichen Sorte, fragt uns nicht, ob wir irgendwelche Esswaren dabei haben und will auch nicht ins Auto sehen. Für uns ist das ein Novum, da es die Jungs sonst doch immer sehr genau wissen wollen. Von da aus müssen wir erst mal noch ein bisschen nach Süden fahren, um an den "südlichen Anfang" bei Villa O' Higgins zu gelangen. Nach einigen Kilometern erreichen wir auch unser Tagesziel Cochrane, den ersten Ort nach der Grenze.

Tag Zwei, der 4. Februar 2004, heute wollen wir nach Villa O' Higgins gelangen, über 200 km Schotterpiste, wobei auch eine kostenlose Fähre benutzt werden muss. Die ersten Kilometer Richtung Süden sind denn auch vielversprechend, grün, grüner, am grünsten. Strahlender Sonnenschein begleitet uns über die schmale, holprige Schotterpiste und Osito schüttelt wacker über die kurvenreiche Strecke. Nur selten kommt uns ein Fahrzeug entgegen, aber wenn eins kommt, dann müssen wir jedes mal kräftig auf die Bremse treten und auf die Seite ausweichen, da die Chilenen nicht gerade rücksichtsvolle Fahrer sind. Nach etwa einhundert Kilometern soll uns das dann auch zum Verhängnis werden. Da ich mich nicht beirren liess und männlicherweise, in der Meinung unfehlbar zu sein, wie gewohnt mit 50-60 km/h dahinfahre, weil mit 20 km/h zu schleichen ist langweilig, kommt uns dann in einer leichten Rechtskurve wieder mal ein viel zu schneller Chilene entgegen, welcher weder Bremsen, noch rechts ausweichen will. Mir bleibt nichts weiter übrig, als entweder frontal in ihn rein oder nach rechts von der Strasse runter zu fahren - da sind ja nur Bäume und Sumpf, an anderen Stellen gab's grosse Felsbrocken oder es ging gleich runter ins Wasser. Also, bremsen funktioniert auf Schotter definitiv nicht gut, da das Auto dann sofort der Schwerkraft folgend rutscht. Da an dieser Stelle die Strasse in der Mitte etwas höher als links und rechts ist, wie eigentlich meistens auf der CA, rutschen wir also nach rechts Richtung Strassengraben, um dann an der Beifahrerseite von einem Baum den Rückspiegel abrasiert und mit einem interessanten Blechquetschgeräusch gebremst zu werden. Wäre dieser Baum nicht gewesen, dann wären wir mit Osito entweder gekippt oder frontal in einen grösseren Baum gekracht.

Nachdem wir uns vergewissert haben, dass uns zweien nichts passiert ist, steige ich fluchend aus und begutachte erst mal den frischen Salat. Toll, wieder mal die B-Säule und die Tür verbeult, fast wie damals in Peru, wobei der Rückspiegel jetzt endgültig zerfetzt ist. Jetzt sind Monique und ich quitt und meine Unfehlbarkeit ist endgültig widerlegt. Der chilenische Wunderfahrer hat lustigerweise angehalten und erklärt mir erst mal, das natürlich wir zu schnell fuhren, danke, und dass er ja, wie ich sehen kann, auch fast in den Graben fuhr. Dass er selber wie ein Henker fuhr und sein Auto etwa noch einen Meter vom Strassenrand weg war, scheint er völlig verdrängt zu haben. Man hat hier wohl ein anderes Raumempfinden als bei uns. Da es in solchen Situationen als Ausländer völlig sinnlos ist, irgendwie über Schuldfragen zu diskutieren (wenn wir nämlich nicht hier wären, wäre auch nichts passiert) und es am Geschehen sowieso nichts ändert, lasse ich es bleiben und beruhige mich erst mal. Der "nette" Chilene bietet mir seine Hilfe an und will uns beim Herausziehen des Autos helfen. Seiner Meinung nach könne man dies mit seinem dünnen Kunststoffseil und heftigem ziehen nach hinten erledigen. Ich wende ein, dass sein Seil erstens reissen und zweitens der Schaden noch grösser würde, da der Baum die unversehrten Stellen, wie z.B. den Kotflügel, auch noch verbeulen würde. Also können wir zum ersten Mal unser gesamtes Bergematerial für uns selber verwenden, wobei der Chilene völlig begeistert mithelfen will.

Bergegurt, Habegger, Drahtseil, usw. ausgepackt und kaum haben wir das Zeug am nächsten Baum befestig, kommen auch schon ein LKW und zwei Geländewagen daher, alle steigen aus, etwa zehn Leute an der Zahl, gaffen und geben Ratschläge. "Nach hinten", "nein nach vorne", "blabla", "hier soll man nur 20 km/h fahren", danke, sagt das euren Landsleuten. Der LKW-Fahrer, ein Soldat, bietet an, uns herauszuziehen. Wir nehmen an. Ich sichere Osito mit dem Habegger gegen das Abrutschen, fälle den Baum (der Wunderfahrer will zwischendurch auch mal das Beil schwingen) und der LKW zieht uns dann heraus. Fast alles wieder in Ordnung. Osito ist auf der rechten Seite zwar ein bisschen verbeult, das Fenster lässt sich nicht mehr aufmachen, aber die Tür schliesst noch dicht und keine gravierenden Schäden sind festzustellen. Die Leute sind befriedigt, alle ziehen ab und wir können unsere Reise fortsetzen. Nach ein paar Kilometern kommen uns Gunilla und Wilfried mit Ihrem LKW-Wohnmobil entgegen, welche wir bereits schon ein paar Mal auf unserer Reise getroffen haben. Wir freuen uns alle über das Wiedersehen und werden gleich auf einen Tee eingeladen, was uns auf den Schreck von vorhin mehr als wundervoll erscheint und wir haben Gelegenheit unser Erlebtes zu berichten. Gestärkt und beruhigt verabschieden wir uns von den Beiden und machen uns wieder auf den Weg.

Von nun an fahre ich nur noch 20-30 km/h, jetzt erscheint das schnell genug, und es ist also nicht das letzte mal, dass Monique und ich von der rücksichtslosen Fahrerei der Einheimischen entsetzt sind. Da wird einfach in die Kurve gedriftet, obwohl kaum für ein Auto Platz ist. Grundsätzlich fährt man in der Mitte der Strasse, ausweichen tun nur Weichlinge. Da bei den Südamerikanern ja immer Jesus und nicht der Fahrer lenkt, denken wir, da wir ja selber fahren müssen, dass wir die schlechteren Karten haben. So bremsen wir immer schön ab, fahren an den Strassenrand, sobald eine Staubwolke von weitem sichtbar wird und schleichen im Schritttempo um Kurven herum.

In Puerto Yungay wäre nun die Fähre zu nehmen, aber wir sehen nur noch wie das letzte Boot für heute gerade ablegt. Wir deklarieren dies als den südlichsten von uns befahrenen Punkt der CA , drehen um und fahren nach Caleta Tortel, um dort auf dem Parkplatz zu übernachten. Dieses malerische Fischerdorf, verfügt erst seit einem Jahr über eine Zufahrtsstrasse und war vorher nur mit dem Schiff erreichbar. Es ist an einem bergigen Fjord gelegen und alle Wege bestehen aus Holzstegen, welche kilometerlang an der Küste, am Hang und zwischen den Häusern verlaufen. Dort treffen wir auch wieder auf Gunilla und Wilfried und somit verbringen wir den Abend plaudernd bei ihnen im LKW, bevor wir müde ins Bett fallen und einen turbulenten Tag beschliessen.

Gut ausgeschlafen nehmen wir heute Tag drei, die nächste Etappe der CA, in Angriff. Tagesziel ist Puerto Tranquilo mit den dortigen Marmorhöhlen. Wir fahren den Weg von gestern wieder zurück bis Cochrane und wollen in der Nähe von El Maiten noch ein Päckli für Roger, welches wir in Ushuaia für ihn abgeholt haben, bei einer Cabaña-Anlage deponieren. Die Besitzerin verwahrt das Packet gerne und ladet uns zu einer kleinen Besichtigungstour ihrer Anlage ein. Wir dürfen sehen, wofür andere 250.- Fr. pro Nacht bezahlen und sind von den kuscheligen Cabañas mit Panoramaaussicht schwer beeindruckt. Sie gibt uns noch ein paar wertvolle Tipps betreffend Marmorhöhlen, bevor wir weiterfahren. In der nähe der Höhlen, welche nur per Boot erreichbar sind, übernachten wir gleich bei den Tourveranstaltern auf der Wiese, um dann am nächsten Morgen bei besten Lichtverhältnissen und einem weiteren Sonnentag die besagten Marmorhöhlen zu bestaunen. Wir haben ein Boot für uns alleine und unser "Käpt'n" führt uns zu den unscheinbar versteckten Naturwundern. Die Marmorhöhlen sind nichts anderes als, von dem dortigen Kliff aus Marmorgestein, heruntergefallene Brocken, welche durch das Seewasser über Jahrhunderte hinweg erodiert wurden. Mit dem kleinen Boot können wir hineinfahren. Das Licht, was sich im glasklaren Wasser spiegelt, zaubert mystische Reflektionen an die Marmorwände und lässt uns wie kleine Kinder staunen. Die Zeit verfliegt nur so und schon stehen wir wieder am Ufer, um mit Osito die Serpentinen zurück zur CA hinaufzuklettern.

Die Strasse führt uns vorbei an Massen von toten Bäumen, welche noch als Überreste von einem 1991 stattgefundenen Vulkanausbruch daran erinnern. Dann fängt es langsam an so auszuschauen, als würden wir bei uns durch die Voralpen fahren. Schon kommen wir in Coihaique an, wo wir auch auf Vera und Jochen treffen, welche wir zum ersten Mal letztes Jahr im August im Pantanal getroffen haben. Man feiert Wiedersehen (ihr denkt jetzt sicher, dass wir nur immer Leute aus Europa treffen, was eigentlich ja auch so ist) und nach einem Bad im Fluss verbringen wir den Abend mit den beiden, bevor sie am nächsten Morgen Richtung Süden weiterfahren.

Monique und ich geniessen in Coihaique den Einkauf im lokalen Supermarkt, welcher so manche Leckerei zu bieten hat. Wir kaufen ein wie verrückt und freuen uns auf die demnächst neu ermöglichten Kochevents, inklusive Cervelatsalat (ja in Chile gibt's manchmal Cervelat). Wir bleiben noch eine Nacht und fahren nun am nächsten Morgen weiter über Puerto Aisen, nach Puerto Chacabuco, wo gerade ein Schiff von Greenpeace vor Anker liegt, welches man am Tage vorher noch hätte besichtigen können. Also fahren wir wieder weiter Richtung Puerto Cisnes. Unterwegs treffen wir wieder mal auf ein Auto, das im Strassengraben liegt. Der lustige Chilene findet, dass er wohl ein wenig zu rassig gefahren sei, da das Auto einfach so in den Graben gehüpft ist. Wir versuchen ihn herauszuziehen, aber die Karre ist so fest aufgesessen, dass da nur ein LKW helfen kann, der auch schon bestellt ist. Weiter geht’s nach Puerto Cisnes, wo uns ein netter Chilene (Autofahren können sie zwar nicht, aber lieb sind sie fast alle) gratis bei seinen Cabañas stehen und dazu die Dusche einer Cabaña benutzen lässt. Tags darauf lädt er uns auch noch zum Frühstück ein. Wir bedanken uns mit Toblerone und verplaudern wieder mal den ganzen Morgen. So beginnen wir die Weiterfahrt, uns des Lebens freuend, mit einem Lächeln auf den Lippen.

Nach erneut unbeschreiblich schönen Naturschauspielen erreichen wir Puyuhuapi, ein 1945 von Sudetendeutschen gegründetes Dorf. Hier haben sie eine Teppichfabrik gebaut, welche noch heute bestand hat und gegen Bestellung Teppiche auf Wunsch in die ganze Welt liefert.

Tags darauf erreichen wir den Nationalpark Pumalin, welcher vom "The North Face" Gründer und Milliardär Thompkins und seiner Frau angelegt wurde. Sie haben riesige Flächen Land gekauft und in ein Naturreservat verwandelt. Wir verbringen zwei eindrucksvolle Tage in diesem schönen Park, um dann mit der Fähre von Caleta Gonzales auf das letzte Teilstück der CA überzusetzen. Nach kurzer Fahrt und nochmaliger Fähre, erreichen wir dann gegen Abend Puerto Montt, wo wir nach neun turbulenten Tagen die Carretera Austral hinter uns lassen.

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