17.- 26. November 03: von Santiago zur Península Valdés

(Monique)

Am Sonntag verlassen wir Santiago. Unser nächstes grosses Ziel und einer der Höhepunkte dieser Reise heisst Península Valdés. In den Gewässern dieser Halbinsel, an der Ostküste Argentiniens, tummeln sich von Juli-Dezember die Bartwale (Ballenas Francas), wovon die Männchen (welche am meisten Sprünge machen) schon früher wieder abziehen, später kann man noch vor allem die Weibchen mit den Jungen beobachten. Weiter hat es Seeelephanten, Pinguine und wenn man ganz viel Glück hat auch die Orcas, welche zur Art der Delfine gehören und ihr sicher vom Film „Free Willy“ kennt.

Der direkte und schnellste Weg führt uns südwärts über die chilenische Panamericana, vorbei an Obst- und Weinanbaugebieten. Es regnet zum ersten Mal seit langem. Bei einem Einkaufszwischenhalt atmen wir die feuchte und kühle Luft ein und fast ein wenig liebevoll erinnern wir uns an das CH-Wetter. So schön es auch ist, wenn jeden Tag die Sonne scheint, mit der Zeit wird es auch fast ein bisschen langweilig (ein paar Wochen später sollten wir noch ganz viel feuchte und kalte Luft einatmen und wir hätten es gar nicht langweilig gefunden, nur noch Sonnenschein zu haben ;-)).

Ca. 60 km nördlich von Temuca (da wo der Dichter Pablo Neruda aufgewachsen ist), auf der Höhe von Victoria, verlassen wir die Panamericana und fahren gegen Osten den Anden zu. Die Gegend mit ihren sanften Hügeln, Bäumen und Weiden erinnert uns stark an die Schweiz. Mir fällt ein, dass hier irgendwo das Hostal La Suizandina sein müsste, von welchem uns Marco + Sibylle erzählt haben. Kurze Zeit später erblicken wir ein Hinweisschild für besagtes Hostal. Erwartungsvoll fahren wir auf das Haus zu, welches im Stil einer CH-Berghütte gebaut ist und entdecken tatsächlich die Motorräder von Marco + Sibylle. Wir treten ein in die heimelige Stube (wow, Zentralheizung) und überraschen Marco mit unserem Auftauchen. Sibylle ist leider nicht da, sie ist momentan in der CH. Derweil betätigt sich Marco als Tourenführer und hilft im Hostal aus.

Nach einem schönen Abend fahren wir am nächsten Tag weiter über das schöne „Pässli“ Los Raices. Hier wachsen viele Araukanien-Bäume, die mit ihren bizarren Nadelzweigen aus einem Märchen stammen könnten. An der Grenze erleben wir wieder mal den harten Alltag der Grenzzöllner: zwei spielen Pingpong, einer füllt seelenruhig einen Peugeot-Wettbewerb aus und sein Kollege vergnügt sich am PC mit Solitär. Einer erbarmt sich unserer und knallt die Stempel in die Pässe. Die Frau „Aduana“ füllt gelangweilt den Zettel fürs Auto aus, wobei sie Osito keines Blickes würdigt. Kaum in Argentinien verändert sich das Landschaftsbild dramatisch: Die lieblichen Araukanien verschwinden und vor uns taucht die grosse Pampa auf. In Neuquén verbringen wir die Nacht auf dem Balneario Municipal. Laut Werbetafel ist Neuquén das Tor zu Patagonien, dem kargen und rauen Land im Süden von Lateinamerika. Da wo der Wind einem halb zum Wahnsinn treibt, da wo wortkarge Gauchos auf ihren Pferden die Schafe zusammentreiben, da wo einsame Estancia’s wie zufällig auf der Karte verstreut sind.

Am nächsten Morgen erklärt Sascha: Heute Abend will ich auf der Península Valdés sein. Das heisst im Klartext, eine über 600 km Fahrt durch öde Landschaft und schnurgerade Strassen. Zuerst kaufen wir uns aber noch eine 2 l Gasflasche mit Kochaufsatz im örtlichen Baumarkt. Der Bezinkocher hat sich nämlich bei Wind überhaupt nicht bewährt und das umständliche Anzünden (ich schaffe es fast nie) geht uns auf den Geist. Später erweist sich dieser Kauf als goldrichtig und der Kocher wird schon bald zu einem unserer Lieblingsteile. Die 600 km spulen wir in ca. 8 Std ab und spät abends fahren wir in Puerto Pyramides auf den Camping Municipal und freuen uns, den weissen VW-Bus von Marcel + Doris (A) zu entdecken (haben wir in La Paz im Hotel Oberland kennen gelernt). Am nächsten Morgen ist die Wiedersehensfreude gross. Auch hier sind Stephan + Claudia (NL/D), die in ihrem in Chile gekauften Stationwagon ein paar Monate durch Argentinien und Chile fahren.

Nach dem Frühstück klettern wir alle über die Düne und schauen gespannt auf das Meer hinaus, in der Hoffnung Wale zu sehen. Und tatsächlich erspähen wir schon bald die erste Schwanzflosse und bald darauf weitere fünf Wale, die sich hier mit ihren Jungen gemütlich in der Bucht tümmeln. Noch besser sieht man die Ballenas Francas vom Boot aus. Wir entscheiden uns für die teurere Gummiboot-Variante, auf welchem nur wenige Leute Platz haben (wir sind zu neunt), was absolut toll ist. Vorsichtig nähern wir uns einem Wal mit einem Jungen. Das „Kleine“ schwimmt vergnügt umher, während die Mutter interessiert unser Boot beäugt. Sie taucht unter dem Boot durch und kommt auf der anderen Seite wieder hoch. Ganz nah, man bräuchte nur die Hand auszustrecken um den riesigen Wal berühren zu können, kommt sie an das Boot heran und zeigt uns ihren mit Muscheln verkrusteten urtümlichen Kopf (anhand dieser Muschelmuster können die Wale katalogisiert und identifiziert werden). Das Erlebnis ist einfach wunderschön und ich bin ganz aufgeregt und vom Anblick völlig überwältigt.

Am nächsten Tag beobachten wir die Wale während eines Spaziergangs um die Bucht. Wir sitzen bereits wieder gemütlich in der Runde, bei der sich der Mopedfahrer (Deutscher Ausdruck für Töfffahrer) Raphael (D) noch dazugesellt hat, als plötzlich der weisse Landy von Bärbel und Bernd auf den Platz fährt. Mit diesen beiden hatten wir schon mehrmals Mailkontakt und sie sind mit dem gleichen Schiff, der Repubblica del Brasile, nach Buenos Aires gekommen. Die Freude ist dementsprechend gross und es gibt bereits viel zu erzählen, was wir abends im gemütlichen und sehr guten Restaurant La Estacion fortsetzen.

Auf der Halbinsel gibt es verschiedene Beobachtungspunkte, die man in einer Rundtour von Puerto Pyramides anfahren kann. Die Orcas sieht man laut Aussagen der Guardaparques am ehesten an der Punta Norte oder an der Caleta Valdés. Wenn man ausserordentliches Glück hat, kann man da beobachten, wie die Orcas an den Strand Robben jagen kommen. Eine Parkrangerin arbeitet seit 12 Jahren da und sie hat die jagenden Orcas nur gerade zweimal gesehen. Nach diesen Aussagen ist unsere Erwartungshaltung dementsprechend niedrig und wir sind auch nicht enttäuscht, als wir tatsächlich keine Orcas zu Gesicht bekommen. Dafür können wir bei der Punta Delgada mit dem Guardaparque zu den Seeelefanten und diese über eine Stunde beobachten. Die Tiere liegen auf dem Strand herum, dösen, kratzen sich von Zeit zu Zeit und und geben lustige Geräusche von sich. Eine Pinguinkolonie ist auf dem Weg zum Punta Norte zu bestaunen, wobei die wirklich grossen Kolonien weiter südlich anzutreffen sind (Punta Tombo und Dos Bahias).

Auf dem Campingplatz sind inzwischen weitere Fahrzeugreisende eingetroffen und andere fahren wieder ab. Manche Stunde wird verschwatzt und mancher Liter Bier und Wein vernichtet.

Eine Nacht stehen wir mit Bärbel und Bernd beim Punta Pardelas. Hier schwimmen die Wale ganz nah am Ufer vorbei. Auch sollen an diesem Ort spezielle Energiefelder vorherrschen. Ich weiss nicht, ob es am Wein oder an der Energie liegt, auf jeden Fall wird auch dieser Abend wieder ganz gemütlich. Nach einer Woche auf der schönen Halbinsel brechen auch wir auf.

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